Statement von Dr.-Ing. Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident Zentralverband Deutsches Baugewerbe

anlässlich des Pressegespräches im Vorfeld des Deutschen Baugewerbetages am 5. November 2014 in Berlin

Dieses Pressegespräch findet heute an anderer Stelle und in anderer Atmosphäre statt; aber wir dachten, ein Frühstück zu Beginn des Arbeitstages, verbunden mit nützlichen Informationen könnte eine gute Abwechslung zur Bundespressekonferenz sein.

Es ist Usus, anlässlich unseres Verbandstags eine Bilanz des abgelaufenen Baujahres zu ziehen und gleichzeitig einen Ausblick auf 2015 zu geben.

Daher will ich auch direkt mit der Baukonjunktur starten:

Dank einer sehr guten Auftragslage und günstigen Witterungsbedingungen – gerade auch gegenüber dem Vorjahr, in dem bis Mitte April bitterer Frost herrschte – war das Bauhauptgewerbe mit viel Rückenwind ins Jahr 2014 gestartet.

Ein Umsatzplus im ersten Quartal von 25 % belegt das. Die Auftragslage im Frühjahr ließ erwarten, dass der Schwung weit in das Jahr reichen würde. Auftragsbestände, die zum ersten Quartal mit einem Plus von 8 % über dem Vorjahr lagen, gaben dazu reichlich Anlass.

Nachdem die Frühjahrsmonate April und Mai noch einmal im Umsatz mit einem Plus, nämlich von 4,5 % punkten konnten, ging in den Sommermonaten Juni bis August der Schwung verloren (-5 %).

Unsere Prognose zur Umsatzentwicklung vom Januar, die für das Jahr 2014 mit einem Umsatzplus von +3,5 % beziffert war, müssen wir angesichts der aktuellen Zahlen korrigieren, und zwar auf +3 %, vor allem wegen der aktuell schwachen Umsatzentwicklung und der unbefriedigenden Auftragslage im öffentlichen Bau. Dazu gleich mehr.

Kommen wir zu den einzelnen Sparten:

Der Wohnungsbau bleibt weiter der Impulsgeber für die positive Umsatzentwicklung im Bauhauptgewerbe. Mit 21,5 Mrd. € wird der Vorjahreswert per August um 1,2 Mrd. € übertroffen, was einem Plus von 6 Prozent gleichkommt. Gleichwohl kommt auch der Wohnungsbau in ruhigeres Fahrwasser, wie ein Blick auf die Baugenehmigungen und Auftragseingänge zeigt.

Das anhaltende Interesse, in Wohnimmobilien zu investieren, spiegelt sich in der konstant hohen Nachfrage bei der Erteilung von Baugenehmigungen wider. Diese lagen per August immerhin mit 7 % im Plus (Basis: veranschlagte Baukosten).

Dabei steigen die Genehmigungszahlen nur noch im Bereich des Mehrfamilienhausbaus. Im Ein- und Zweifamilienhausbau werden die Vorjahreswerte nicht mehr erreicht. Hier haben wir per August ein Minus von 2.500 Wohnungen zu verzeichnen. Wie von uns prognostiziert, scheint bei den Ein- und Zweifamilienhäusern mit Genehmigungszahlen von gut 100.000 Wohnungen pro Jahr ein stabiles Niveau erreicht.

Insgesamt wurden bis August ca. 164.000 Wohnungen in neuen Wohngebäuden (inkl. Wohnheime) genehmigt. Das sind insgesamt nur rund 8.000 mehr als vor einem Jahr, wobei wir bei den Wohnungen in Mehrfamilienhäusern ein Plus von 10.500 haben.

Die neuen Bundesländer legen mit einem Plus von über 6.800 Wohnungen besonders deutlich. Dies ist vor allem auf die Entwicklung in Berlin zurückzuführen, wo allein 5.400 Wohnungen mehr genehmigt wurden als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.

Der Senat scheint mit seinem Wohnungsbauprogramm ernst machen zu wollen.

Aber auch in Universitätsstädten wie Magdeburg und Halle schlägt sich die wachsende Nachfrage nach Wohnungen in den Genehmigungszahlen deutlich nieder.

Betrachtet man die Entwicklung der Baugenehmigungen in den alten Bundesländern, dann fällt die Bewertung differenziert aus:

Während NRW mit plus 7 % weiterhin Steigerungsraten im nennenswerten Umfang aufweist, kommt Bayern nur noch auf ein schmales Plus von 0,6 %. München legt dabei überproportional zu (+ 26 %).

In Baden-Württemberg wurden per August ca. 700, in Hessen gut 600 Wohnungen weniger genehmigt im Vergleich zum Vorjahr.

Auch Städte wie Frankfurt und Stuttgart fallen mit -20 % bzw. -34 % dabei deutlich ab, obwohl die Bevölkerung weiter wächst.

Die Baulandknappheit dürfte ein Grund für diese Entwicklung sein, ein anderer scheint darin zu liegen, dass die Nachfrage im gehobenen Preissegment, aber auch nur dort ihre Sättigungsgrenze zu erreichen scheint.

Nach aktuellen Untersuchungen (empirica) ist eine Mietobergrenze in den Ballungsgebieten nun erreicht, viel höhere Mieten sind auf den allermeisten Märkten nicht mehr durchsetzbar. Auch das Budget der privaten Haushalte hinsichtlich der Bezahlbarkeit von Mieten dürfte in vielen Regionen an seine Grenze gestoßen sein, was sich dämpfend auf die Nachfrage auswirkt.

Dennoch: Zusätzliche Wohnungen werden weiterhin gebraucht, vor allem preiswerte Wohnungen.

Denn der Zuzug nach Deutschland, und damit auch in die Ballungsgebiete, hält weiter an. Der Außenwanderungssaldo betrug 2013 ca. 437.000 Personen. Für 2014 wird mit über 500.000 gerechnet. Vor fünf Jahren lag der Saldo noch bei null.

Darüber hinaus wird die Zahl der Haushalte ebenfalls noch weiter ansteigen.

D.h. wir brauchen dringend preiswerte, neue Wohnungen.

Denn eines ist klar, wer den Anstieg von Mieten mildern will, der muss neue Wohnungen bauen. Mietpreisbremsen und steigende Grunderwerbsteuersätze bauen keine Wohnungen.

Daher ist die Politik gefordert, entsprechende Impulse zu setzen, um in diesem Segment die Bautätigkeit anzuregen.

Die Länder erhalten jährlich 518 Mio. Euro für den sozialen Wohnungsbau, festgeschrieben bis 2019. Wir unterstützen in diesem Zusammenhang die Erwartung der Koalition, dass diese Mittel zweckgebunden für den Bau neuer Sozialwohnungen eingesetzt und durch eigene Mittel der Länder unterstützt werden, wie dies z. B. in NRW und Bayern der Fall ist.

Denn Studien, die wir gemeinsam mit anderen Verbänden in der „Kampagne für den Wohnungsbau“ veröffentlicht haben, weisen nach, dass die nach EnEV 2014 Standards errichteten Mehrfamilienhäuser in Innenstadtlagen zu Mietpreisen von über 10 €/qm führen.

Derzeit können Immobilien nur mit jährlich 2 % linear abgeschrieben werden. Das entspricht nicht dem tatsächlichen Werteverzehr einer Immobilie, denn die Afa berücksichtig nur die Abnutzung.

Denn gerade die moderne Haustechnik ist oftmals bereits nach 25 Jahren veraltet und muss ausgetauscht werden.

Daher brauchen wir dringend eine Erhöhung der Afa von zwei auf vier Prozent.

Meine Damen und Herren,

in den Sommermonaten hat die Dynamik bei den Auftragseingängen im Wohnungsbau nachgegeben. Das Niveau ist gleichwohl immer noch sehr hoch. Rahmenfaktoren wie eine stabile Beschäftigung, steigende Einkommen und niedrige Finanzierungskosten bleiben intakt.

Die Umsatzentwicklung im Wohnungsbau wird trotz Verlangsamung ein hohes Niveau halten, vor allem weil in den letzten Jahren deutlich mehr Wohnungen genehmigt als gebaut wurden. Für dieses Jahr rechnen wir mit einem Umsatzwachstum von 4,5 %, was eine nur geringfügige Anpassung unserer Prognose aus dem Januar ist. Das entspricht einem Jahresumsatz von 35,2 Mrd. Euro.

Für das nächste Jahr erwarten wir immer noch eine Steigerung um 2,5 %.

Wir gehen für dieses Jahr von der Fertigstellung von ca. 210.000 Wohnungen in neu errichteten Wohngebäuden, davon gut 100.000 in Ein- und Zweifamilienhäusern und 110.000 in Mehrfamilienhäusern aus.

Kommen wir zum Wirtschaftsbau:

Auch der Wirtschaftsbau ist gut ins Jahr gestartet. Insbesondere im Hochbau schien eine gute Auftragslage die Prognose der Forschungsinstitute zu einer kräftigen Konjunktur mit zunehmender Kapazitätserweiterung im Jahr 2014 zu bestätigen. Im Laufe des Jahres ausgemachte Risiken für die deutsche Volkswirtschaft, wie die Ukrainekrise, die Kriege im Nahen Osten sowie die Ebolakrise in Westafrika haben den Geschäftsklimaindex in der Industrie abrutschen lassen.

Während noch bis Ende Mai für Fabrik- und Lagergebäude um 20 % mehr Baugenehmigungen nach Baukosten beantragt wurden, blieben die Sommermonate im Vorjahresvergleich klar unter der Nulllinie. Die Baugenehmigungen für Bürogebäude sind im gesamten Jahresverlauf im Keller.

Aktuelle Umfragen belegen eine deutlich gesunkene Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Unsere jüngste monatliche Konjunkturumfrage zeigte insbesondere im Gewerbebau deutliche Abstriche bei der Lagebeurteilung. Der DIHK sieht in seiner Herbstumfrage ebenfalls wenig Schwung im Wirtschaftsbau.

Der Ordereingang zeigt noch keinen drastischen Einbruch, eher ein uneinheitliches Bild, denn in den letzten beiden Monaten gab es wieder Aufwärtsbewegungen, gerade im Hochbau.

Der Tiefbau zeigt ohnehin bereits seit Jahren keine feste Kopplung an die Konjunkturentwicklung. Die Auftragseingänge lagen hier bei gut +5 %. Ob diese Aufträge tatsächlich an den Markt gelangen oder doch zum Teil storniert werden, sei im Angesicht einer zurückhaltenden Stimmungslage dahingestellt.

Für das Jahr 2014 rechnen wir insgesamt mit einem Umsatzwachstum von 2,5 %, so wie wir es bereits im Januar prognostiziert haben. Dies entspricht einem Umsatz von 35,4 Mrd. €. Für das nächste Jahr erwarten wir aufgrund der derzeitigen Datenlage ein ähnliches Umsatzniveau wie 2014.

Weiter geht es mit dem öffentlichen Bau:

Der öffentliche Bau ist außerordentlich gut ins Jahr gestartet. Der Tiefbau profitierte besonders von der milden Witterung bei gut gefüllten Auftragsbüchern.

Nach einem halben Jahr drängte sich jedoch der Eindruck auf, dass das Hoch bereits wieder vorbei sein könnte.

Während die Aufträge für den Tiefbau bis ins Frühjahr gut eingingen, reduzierten sich die Order in den Sommermonaten im Schnitt um fast 10 % gegenüber dem Vorjahr.

Unsere Umfragen bestätigen diesen Trend, es kommen zu wenig Ausschreibungen auf den Markt.

Meine Damen und Herren,

dieses ist eine schizophrene Situation. Auf der einen Seite wächst die Einsicht, dass mehr in die Infrastruktur investiert werden muss, die Koalition hat auch entschieden, in der Legislaturperiode mehr Mittel bereitzustellen, aber am Markt ist davon nicht viel zu spüren.

Der Investitionsetat liegt 2014 für alle Bundesverkehrswege nur bei 10,3 Mrd. Euro. Damit bleibt er nicht nur unter dem Vorjahreswert, sondern auch unter dem Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2013. Nach derzeitigem Planungsstand werden in 2015 ca. 10,7 Mrd. € an Investitionsmitteln für die Infrastruktur bereitgestellt. Auch wenn das 3,4 % mehr sind als in diesem Jahr, so ist es doch meilenweit von dem tatsächlichen Bedarf von 14 Mrd. € entfernt.

Es ist offensichtlich: Trotz wachsender Belastung der Straßen und Schienen fehlt der politische Wille, den Investitionsstau wirklich aufzulösen.

Dabei ist absehbar, dass die Infrastruktur noch mehr Lasten wird tragen müssen. Nach der aktuellen Verkehrsverflechtungsprognose nehmen der Personenverkehr bis 2030 um mehr als 10 % und der Güterverkehr um fast 40 % zu!

Die Einschränkungen der Nutzungsmöglichkeiten der Infrastruktur werden unweigerlich zu einer Beschneidung wirtschaftlichen Wachstums führen. Noch im Jahr 2000 bekamen 30 % der Brücken an Fernstraßen eine sehr gute oder gute Benotung. In 2012 sind es nur noch 19 %.

Immerhin 65 % der Unternehmen sehen sich durch das Straßennetz beeinträchtigt, 23 % sogar deutlich behindert.

Die Bauwirtschaft ist hier auch unmittelbar betroffen: Die problematische Situation unserer Verkehrswege führt dazu, dass Baumaterial und insbesondere schwere Geräte nicht wie geplant auf die Baustellen kommen.

Ein großer Teil unserer Infrastruktur befindet sich in der Baulastträgerschaft der Kommunen; d. h. diese sind für Erhalt und Ausbau zuständig.

Leider bestätigt sich auch in diesem Jahr, dass eine verbesserte Kassenlage bei den Kommunen nicht zwangsläufig zu höheren Investitionen führt.

So weisen die Kommunen in ihrem aktuellen Finanzbericht darauf hin, dass in vielen Städten die Krise der Kommunalfinanzen anhält und in finanzschwachen Kommunen die Haushaltskonsolidierung oberste Priorität hat.

Dafür werden die ohnehin niedrigen Investitionen nochmals gekürzt bzw. zusätzliche Einnahmen zur weiteren Defizitabsenkung verwendet.

Hinzu kommt die weiter steigende Belastung bei den Sozialausgaben. Trotz teilweiser Übernahme durch den Bund, wie z. B. bei der Grundsicherung im Alter oder den Eingliederungshilfen, wird dieses weiter auf die Investitionsbudgets drücken.

Spätestens ab 2016 werden nach Einschätzung der Kommunen die Ausgaben für soziale Leistungen dreimal so hoch sein wie die kommunalen Baumaßnahmen. Vor zehn Jahren war es „erst“ das Doppelte. Für 2015 rechnen die Kommunen auch nur mit geringfügig mehr Baumaßnahmen (+1,9 %), in 2016 gar mit einem Rückgang (-0,7 %).

Der gute Start in das Jahr 2014 wird dazu führen, dass auch der öffentliche Bau beim Umsatz noch mit einem Plus durchs Ziel geht. Dies fällt mit +1 % auf knapp 27,6 Mrd. € schmaler aus, als wir es im Januar mit 3,5 % noch prognostiziert haben. Für 2015 rechnen wir nach derzeitiger Datenlage mit einem Steigerungspotenzial von 2,5 %.

Den Umsatz im Bauhauptgewerbe insgesamt sehen wir damit in 2014 bei 98,1 Mrd. €, das ist eine Steigerung um knapp 3 % (2,8 %). In 2015 könnte mit einer Steigerung um
2 % die 100-Mrd.-Euro-Grenze erreicht werden.

Die Beschäftigung wird in diesem und im nächsten Jahr auf stabilem Niveau bei 760.000 Personen liegen.

Meine Damen und Herren,

damit können wir, anders als andere Wirtschaftszweige, immer noch zufrieden sein; das ist die Branche unter’m Strich auch.

Aber gerade weil wir die Potenziale, aber auch die Notwendigkeit für mehr Bautätigkeit sehen, sind wir nur mäßig zufrieden.

Das betrifft sowohl den Wohnungsbau als auch die Infrastruktur.

Gerade die Diskussion über die Finanzierung unserer Infrastruktur geht in eine falsche Richtung.

Der Verkehrsminister schreibt ohne Einwände zu berücksichtigen weiter sog. A-Modelle im Bundesfernstraßenbau aus.

Projekte in dieser Größenordnung können aber nur von wenigen großen internationalen Playern gestemmt werden. Das schränkt den Wettbewerb extrem ein und schließt nahezu die gesamte deutsche Bauwirtschaft aus. Einwände des Bundesrechnungshofs, dass diese Projekte teurer als herkömmlich vergebene seien, werden nicht berücksichtigt.

Arbeits- und Ausbildungsplätze in der mittelständischen Bauwirtschaft werden leichtfertig auf’s Spiel gesetzt.

Stattdessen diskutieren wir nun in zwei Kommissionen, nämlich der Reformkommission Großbauprojekte und einer Kommission zur Finanzierung der Infrastruktur, wie private Investoren die anfallenden Aufgaben – auch im Bereich Energiewende – stemmen können.

Die Herren Investoren aus Banken und Versicherungen haben zwar großzügig verlauten lassen, dass sie über das notwendige Kapital verfügten, sie haben aber nicht erklärt, welche Rendite sie eigentlich erwarten.

Hier liegt ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft unseres Landes.

Die Bauwirtschaft ist und bleibt die Konjunkturlokomotive der deutschen Volkswirtschaft. Noch hat sie genügend Kohlen im Feuer, um auch Impulse für die gesamte Volkswirtschaft zu geben.

Sollte uns aber auch die Puste ausgehen, schlittert Deutschland tatsächlich in eine Rezession. Das können wir aber gemeinsam mit der Politik verhindern.